Südthüringer Zeitung

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Erschienen am 12.09.2007 00:00
BIATHLON: ABSCHIEDSRENNEN FÜR SVEN FISCHER
Vom Spätentwickler zum Superstar
Am Samstag großer Bahnhof in der Rennsteig-Arena für den Ausnahmesportler aus Schmalkalden
VON GERT HELLMANN
So wie bei den Weltcup-Rennen im Winter wird die Rennsteig-Arena auch am kommenden Samstag bei den deutschen Biathlon-Meisterschaften aus den Nähten krachen. „Schuld“ daran ist Sven Fischer.
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So liebten ihn seine Fans: In unnachahmlicher Manier, ohne Handschuhe, stürmt Sven Fischer kraftvoll einen Anstieg. FOTOS (4): HEIKO MATZ
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OBERHOF – Das Abschiedsrennen des wohl erfolgreichsten deutschen Biathleten aller Zeiten im Rahmen der deutschen Meisterschaften wird die Traversen in der Arena restlos füllen. Für die drei Meisterschaftsentscheidungen am Samstag inklusive dem Abschiedsrennen von Sven Fischer sind bereits über 6000 der 7500 Tickets geordert. Da viele von weit her angereisten Sven-Fischer-Fans über das gesamte Wochenende am Rennsteig bleiben, sehen sie sich auch die Titelkämpfe am Sonntag an. Denn auch dafür sind schon 2000 Karten verkauft worden. Da der Ticket-Run ungebrochen ist, haben die Gastgeber bereits eine „Notvariante“ aus der Schublade geholt. Es wird eine erweiterte Tribünenvariante im Stadion geben. Die Organisatoren vom WSV Oberhof wollen damit allen Zuschauern die Möglichkeit einräumen, das Geschehen in der Arena einschließlich der Überraschung beim Fischer-Rennen hautnah erleben zu können.

Nicht nur ausgemachte Biathlon-Fans, auch viele Allgemein-Sportkonsumenten wollen den letzten großen öffentlichen Auftritt des 36-jährigen Schmalkalders in seiner Sportart miterleben. Hat doch der fünffache Olympiasieger und achtfache Weltmeister die Menschen in der Wintersportwelt seit 1993 mit seinen rasanten Wettkämpfen in den Biathlonstadien und an den Fernsehbildschirmen begeistert.

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Ausgemustert und abgeschoben

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Am Anfang seiner Karriere: Sven Fischer (M.) mit Peter Sendel (r.) und Lars Kreuzer. FOTO: SPISLA
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Dabei hatte alles wenig verheißungsvoll begonnen. In der 13. Klasse der ehemaligen Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Oberhof war nämlich Sven Fischer nur noch Schüler. Wegen Knorbelschäden in beiden Knien wurde er vom Leistungssport ausgemustert, musste seine Ski abgeben. Nach der Knieoperation in Bad Düben 1989 machten die Ärzte dem damals 18-Jährigen wenig Hoffnung auf die Fortsetzung seiner Leistungssportkarriere. Der physische Spätentwickler Sven Fischer gab jedoch nicht auf. Ein Jahr lang schonte er die Knie, schwamm jeden Tag auf eigene Kosten seine Bahnen im Hallenbad des Hotels Panorama. Die Knie erholten sich, Fischer trainierte ohne Kaderstatus auf eigene Faust weiter, scheiterte jedoch beim Ausscheid zur Junioren-Weltmeisterschaft 1990 an seinen Altersgefährten. Besser waren damals Peter Sendel, Lars Kreuzer und Marko Danz aus Floh, der Jahre später zum Techniker-Team gehörte, die Fischers Rennski schnell machten. „Fisch“, wie ihn seine Freunde noch heute nennen, ließ sich nicht entmutigen, trainierte eisern weiter und setzte mit Siegen im Europacup erste Achtungszeichen.

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Frank Ullrich setzte auf Sven Fischer

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Trainer und Vertrauter: Sven Fischer im Gespräch mit Frank Ullrich.
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Einer der wenigen Experten, wenn nicht überhaupt der einzige, der noch auf das Talent und die kämpferischen Fähigkeiten von Sven Fischer setzte, war der heutige Bundestrainer Frank Ullrich: „Uller hat mich und meine Eltern ermutigt, weiterzumachen, ihm habe ich sehr viel zu verdanken“, erklärt Fischer. Den ersten richtigen Kallbonbon ließ er 1992 bei den deutschen Meisterschaften in Oberhof steigen, als er beim Staffelrennen den für das Bayern-Quartett laufenden frischgebackenen Staffel-Olympiasieger Jens Steinigen im direkten Duell „versenkte“ und Thüringen den Staffeltitel sicherte. Doch auch das reichte noch nicht fürs Weltcupteam. Erst im letzten Qualifikationsrennen in Obertauern sicherte sich Sven Fischer mit geborgtem, sehr gut laufendem Ski von seinem Namensvetter Fritz Fischer den Weltcup-Platz.

Das war der Beginn einer beispiellosen Sportkarriere. Noch in der gleichen Saison gewann der Newcomer gemeinsam mit Frank Luck, Fritz Fischer und Steffen Hoos im bulgarischen Borowez dem WM-Titel im Teamwettkampf. In den folgenden 14 Jahren fischte Fischer Edelmetall en massè: Insgesamt stand er bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und Weltcupwettkämpfen 150 Mal auf dem Siegerpodest, 33 Mal auf der obersten Stufe. Zweimal gewann der Ausnahmesportler den Gesamtweltcup, achtmal den Disziplinweltcup. Nach drei Olympiasiegen mit der deutschen Staffel, olympischen Staffelsilber sowie einem Silber- und Bronzeplatz bei olympischen Einzelwettkämpfen gelang dem Thüringer bei den Spielen in Turin 2006 der ganz große Erfolg: Olympiasieger im Biathlon-Sprint. Unvergessen sind die Fernsehbilder, als sich Sven Fischer, sein Vater Willi Fischer und Frank Ullrich minutenlang in den Armen lagen.

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König Harald zog die Mütze

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Mehrfach zu Gast bei der Südthüringer Zeitung: Sven Fischer im Gespräch mit stz-Sportredakteur Gert Hellmann.
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Sven Fischer wurde nicht nur in Deutschland verehrt. Vor allem bei den Norwegern hatte der Mann vom Rennsteig einen Stein im Brett. Nicht nur wegen seiner sportlichen Erfolge, er beherrscht die Sprache der Skandinavier, war er doch mehrere Jahre eng befreundet mit der norwegischen Biathletin Annette Sikveland. Auch der norwegische König Harald fand am Smalltalk in seiner Sprache mit dem deutschen Weltklasseskijäger Gefallen. Nach seinem letzten Sieg am Holmenkollen in Oslo und dem damit verbundenen Besuch in der Königsloge zog der Monarch sogar die Mütze vor Sven Fischer.

Für seine Verdienste um die deutsch-norwegische Freundschaft wurde Sven Fischer eine besondere Ehre zuteil: Nach Günter Jauch und Sandra Meischberger bekam er 2004 als dritter Deutscher beim Weltcup in Ruhpolding von der norwegischen Botschaft die Auszeichnung „Goldener Lachs“ überreicht. Das norwegische Fischereiministerium setzte noch einen drauf: Fischer bekam zur Trophäe noch eine Tonne Lachs geschenkt. „Ich dachte mir, das ist eine gute Gelegenheit, um einmal etwas für Leute der Generation zu tun, die nach dem Krieg den Reichtum in beiden Ländern geschaffen haben“, erinnert sich Sven Fischer. Eine halbe Tonne Lachs ging an ein Altenheim in Oslo, die andere halbe Tonne in Altenheime der Heimatregion.

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„Körper und Geist müssen eine Einheit bilden“

Sven Fischer

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Tschüss, Sven Fischer.
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Sven Fischer war ein sehr trainingsfleißiger Athlet, ein unentbehrliches „Zugpferd“ für seine Trainer Frank Ullrich und Mark Kirchner. Dennoch kannte er immer seine Grenzen – „Körper und Geist müssen eine Einheit bilden“ war sein Motto. Deshalb verzichtete er auch jährlich auf den Start beim lukrativen Biathlon-Spektakel auf Schalke. Er brauchte die Stunden zwischen den Feiertagen am Jahresende, um im Kreise seiner Familie zu regenerieren. Vor allem nach der Geburt seiner Tochter Emilia-Sophie während der WM-Tage von Oberhof 2004 verbrachte Sven Fischer die wenigen freien Tage im Jahr konsequent gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Doreen Ehrle und seinem größten Stolz, Emilia-Sophie.

Freilich denkt der Biathlon-Heros, der längst zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Schmalkalden ernannt wurde, nach all den großen sportlichen Erfolgen und gesellschaftlichen Anerkennungen auch an die schweren Anfänge und bitteren Niederlagen zurück. Es spricht für seine Größe, dass er zu seinem Abschiedsrennen viele seiner schärfsten sportlichen Kontrahenten eingeladen hat. Auch die Trainingskameraden von der ehemaligen KJS in Oberhof, die ihm, dem Kleinsten der Gruppe, das Leben oft nicht leicht gemacht hatten. „Ich freue mich, dass alle aktuellen deutschen Elite-Biathleten und die einstigen Cracks meinen Abschied vom Leistungssport mit mir feiern wollen. Einige der besten russischen Skijäger werden ebenfalls dabei sein“, erklärt Sven Fischer. Ein wenig bedauert er, dass die österreichischen Biathlon-Asse wegen der Hochzeit ihres Stars Christoph Sumann, ie ebenfalls am Samstag ist, nicht kommen können. Gern hätte der Schmalkalder auch die beiden französischen Ausnahme-Skijäger Poiree und Defracne am Samstag in Oberhof begrüßt. Beide mussten ihrem langjährigen deutschen Sportkameraden wegen langfristig geplanter Termine absagen.

Wenn dem ausgemachten Familienmenschen Sven Fischer künftig überhaupt etwas fehlen wird, dann sind es vor allem die kameradschaftlichen Beziehungen zu seinen sportlichen Gegnern aus aller Welt.

   
 
 

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