Ettenhausen/Suhl – Irgendwo in Thüringen muss die Taschenuhr noch sein. Davon ist Barbara Reich aus Förtha überzeugt. Eine Uhr mit einem Kratzer im Glas. An ihr hatte ihr Großonkel, August Stauch aus Ettenhausen a.d. Suhl, am 10. April 1908 einen sonderbaren Stein aus dem Wüstensand im damaligen Deutsch-Südwestafrika getestet. Der Stein schnitt das Glas und August Stauch vermutete, was kurz darauf ein Fieber in „Südwest“ auslösen sollte: Es war ein Diamant.
August Stauch gilt seither als Entdecker des Diamantvorkommens in der damaligen deutschen Kolonie. Der Eisenbahner wähnte sich im Märchen, wurde vorübergehend steinreich – und starb, zurück in der Heimat, im Alter von 69 Jahren, als einsamer, armer Mann. Als seine Sachen nach seinem Tod im Eise-nacher Krankenhaus durchsucht wurden, fand sich eine Geldbörse. Sie enthielt 2,50 Mark – alles, was von seinem einstigen Vermögen blieb.
Barbara Reich beschäftigt sich zurzeit intensiv mit der Geschichte ihres berühmten Großonkels. Zum 100. Jahrestag des ersten Diamantfundes planen der Thüringische Geologische Verein und die Landesanstalt für Umwelt und Geologie eine Gedenkveranstaltung. Vorträge über Diamanten, ihre Lagerstätten und das damalige Fieber sind geplant – und ein Beitrag der Großnichte über das „wechselvolle Leben von August Stauch“. Barbara Reich stützt sich in ihrem Vortrag auf Veröffentlichungen und Geschichten, die in der weit verstreuten Familie überliefert sind. Manche Information über „Opa Stauch“ mailen Nachfahren aus Namibia.
August Stauch wurde am 15. Januar 1878 als drittes von sieben Kindern einer Eisenbahnerfamilie in Ettenhausen geboren. Sein Vater Andreas galt als armer, aber aufrechter Mann, August wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Ein verträumter Junge, den seine Oma oft „Sternengucker“ nannte. Seinen Militärdienst verbrachte August Stauch bei den Brückenpionieren in Pommern. Die Arbeit interessierte ihn, verlangte jedoch langes Stehen im Wasser. Hier, wird überliefert, holte sich August das Asthma, das ihm ein Leben lang zu schaffen machte.
Nach dem Militärdienst traf August wieder auf Baurat Fuchs von der Firma Lenz & Co., die schon die Eisenbahn bei Ettenhausen ausgebaut hatte. Fuchs bot ihm im Jahr 1900 nicht nur einen Job in Pommern an, er machte ihn auch mit Familie Schwerin in Franzburg bekannt. Vier Jahre später heiratete August eine der fünf Töchter der Familie, Ida. 1905 wurde Sohn Hans geboren, 1906 Tochter Marianne. Die Familie lebte in Neumark, August arbeitete an der Eisenbahnlinie von Mecklenburg nach Ostpreußen.
Doch das Asthma machte ihm zu schaffen. Seine Firma Lenz & Co. war mittlerweile beauftragt worden, eine Eisenbahnlinie in Deutsch-Südwestafrika zu bauen. Baurat Fuchs schlug August vor, nach Afrika zu gehen. Das trockene, heiße Klima könne ihm gut tun. Familienmensch Stauch fällte eine schwierige Entscheidung – und schiffte im Mai 1907 in Hamburg auf der „Windhuk“ ein, Destination Deutsch-Südwest. Stauch ging in Lüderitzbucht von Bord, eine kahle, steinige Gegend mit schwarzen Felsen.
Stauchs Einsatzgebiet lag knapp 25 Kilometer westlich von Lüderitzbucht, ein windiger Ort in der Wüste namens Grasplatz, an dem kein Gras wuchs. Seine Unterkunft war eine Wellblechhütte, seine Aufgabe bestand darin, die Gleise zwischen Kilometer 18 und 27 instand und, vor allem, frei von Sand zu halten. Wie man sich in der Familie erzählt, langweilte Stauch sich keineswegs. Er war interessiert an seiner Umwelt, studierte die Winde, besorgte Literatur über Mineralogie und startete mit Stoffbahnen Versuche, Dünen „dosiert“ wandern zu lassen. Das Vorhaben, nach Ostsee-Vorbild Strandhafer anzubauen, scheiterte an Wassermangel.
Stauch war knapp ein Jahr in der Wüste, als der 10. April 1908 sein Leben ändern sollte. Über das Geschehen an diesem Tag kursieren verschiedene Versionen. In der Familie, berichtet Barbara Reich, wurde immer folgende erzählt: Stauch hatte seine schwarzen Arbeiter beauftragt, ihm schöne Steine oder andere interessante Dinge, die sie in der Wüste finden, mitzubringen. An jenem 10. April brachte ihm Zacharias Lewala einen kleinen Stein mit den Worten „mooi klip“ – „schöner Stein“. August Stauch nahm seine Taschenuhr, kratzte das Glas mit dem Stein und war sich sicher, einen Diamanten in der Hand zu haben.
Weil er in der kargen Gegend Mineralien vermutete, hatte sich der Eisenbahner vorsorglich schon einige Schürfrechte besorgt. Die Wüste kannte er, die Winde auch. August Stauch zog seine Schlüsse und steckte seine Felder entsprechend ab. „Edelmineralschürffeld Nr.1 – A. Stauch – Aufgestellt am 14. April 1908“ schrieb er auf ein Schild, nagelte es an einen Pfosten und rammte ihn in den Sand seines ersten Diamantfeldes.
„August Stauch hat sich interessiert, er hat die Chance erkannt und umsichtig gehandelt“ – so fassen seine Nachkommen die Reaktion des Bahnmeisters zusammen. Erst sei er verspottet worden – Diamanten im Sand, das gebe es nicht. Und überhaupt, was sollte dieses „Greenhorn“, neu in der Kolonie, schon von Bodenschätzen wissen? Immerhin waren Prospektoren schon früher durch das Land gezogen. Ausgebildete Leute, auf der Suche nach Bodenschätzen. „Sie müssen die Diamanten zur Seite geschaufelt haben“, sagt Barbara Reich, „ohne erkannt zu haben, was es ist.“
Stauch wandte sich an zwei Freunde und fuhr mit ihnen zum Leiter des Eisenbahnkrankenhauses im Ort Aus. Der testete den Stein, nicht ohne vorher nach seinem Anteil zu fragen, mit Flusssäure. „Glückwunsch“, soll er gesagt haben, „es ist ein Diamant“. Man öffnete eine Flasche Champagner und stieß auf den Fund an. Stauch kündigte, erwarb weitere Rechte, steckte Felder ab. Er lebte unter einfachsten Bedingungen, grub und siebte, fand Stein um Stein. Ziemlich kleine zunächst, etwa vier oder fünf auf ein Karat. Doch es waren Diamanten. Mit zwei Freunden, Regierungsbaumeister Weidtmann und Sönke Nissen, die die ersten Grabungen mitfinanzierten, bildete Bahnmeister Stauch das erste deutsche Diamanten-Syndikat.
Mittlerweile hatte sich die Nachricht herumgesprochen. Immer mehr Glücksuchende wollten Stauch nacheifern, besorgten sich Schürfrechte, reisten nach Lüderitzbucht und scharrten im Sand. Trinkwasser wurde zum größten Problem. Tankschiffe brachten das kostbare Gut, man versuchte, Meerwasser zu kondensieren – oder wich gleich auf Bier aus. Später, als in der Region aus ersten Wellblechhütten in Kolmannskuppe in kürzester Zeit eine schmucke Siedlung entstanden war, soll auch Champagner in Strömen geflossen sein.
In Zeitungsmeldungen jener Tage wird berichtet, Stauch habe freigiebig kleine Diamanten an Leute verschenkt und bis zu 200 Steine in der Tasche gehabt. Mancher soll ihm auch gestohlen worden sein – vermutlich aber nicht nur ihm. Viele suchten, doch nicht jeder fand das Glück im Sand.
Hoher Besuch aus Deutschland, Staatssekretär Bernhard Dernburg, setzte dem Diamantenrausch ein Ende. Wenige Monaten nach dem ersten Fund wurde die Region zum Sperrgebiet erklärt. Die hoffnungsvollen Schürfer mussten gehen – Stauchs Gesellschaft blieb. Sie war früh registriert worden und behielt ihre Rechte.
„Opa grübelte und verbrachte sicher einige Tage im Nachdenken, bis er auf die heute noch gültige Theorie kam“, schreibt Enkel Michael Krafft aus Namibia über Stauchs Annahme, wie die Diamanten in den Wüstensand kamen: vom Orangefluss ins Meer gespült und vom Benguelastrom nach Norden getragen. Muschelreste in der Wüste hatten den Eisenbahner auf die Idee gebracht. Nach dieser Theorie mussten die größten Edelsteine im Süden zu finden sein. Sie sollte sich bei einer Expedition in märchenhaftem Ausmaß bestätigen. Zum Jahreswechsel 1908/09 startete Stauch mit dem Wissenschaftler Dr. Robert Scheibe, einigen Arbeitern und Maul-eseln Richtung Pomona. Sie kämpften gegen Dünen und Sandstürme, Hitze und Kälte. Das Tal, in dem sie ihre Zelte aufschlugen, nannte Stauch in Gedanken an seine Frau „Idatal“. Spaßeshalber, so wird erzählt, soll Stauch zu einem Arbeiter gesagt haben, er solle doch statt Treibholz fürs Lagerfeuer lieber Diamanten suchen. Der Arbeiter, Jakob, tat es. Er hatte nach kurzer Zeit beide Hände voll. Die Diamanten lagen im Sand „wie Pflaumen unterm Pflaumenbaum“, beschrieb es Stauch später. Dr. Scheibe konnte es nicht fassen. „Ein Märchen, ein Märchen“ soll er immerzu gerufen und dem „Märchental“ seinen Namen gegeben haben. Die Männer klaubten die Edelsteine einfach auf, steckten Felder ab – und wurden reich. Als Ida in Franzburg einen Brief ihres Mannes öffnete, fielen kleine Diamanten aus dem Umschlag.
1909 reiste August Stauch wieder nach Deutschland, verbrachte einige Monate mit seiner Familie, mietete die Familie im Eisenacher Klosterweg ein. Er begann zu pendeln, ein halbes Jahr Deutschland, ein halbes Jahr „Südwest“. Seine Familie zog in eine Villa nach Berlin-Zehlendorf. 1910 wurde Helmut geboren, 1912, nach dem ersten Besuch Idas in „Südwest“, Tochter Käthe. In den reichen, glücklichen Zehlendorfer Zeiten gab es auch Urlaubsreisen, unter anderem – wegen Augusts Asthma – nach Bad Salzungen.
Stauch investierte sein Vermögen: In Deutschland etwa in die chemische Fabrik „Asta“ in Bielefeld, in Berlin in das „Vox Haus“, ein Vorläufer der Grammophon. In „Südwest“ vor allem in die Landwirtschaft. Stauch kaufte Farmen und Ländereien, mehr als 100 000 Hektar. „Er wollte unbedingt eine Farmwirtschaft aufbauen“, erzählt Barbara Reich. Er dachte nicht nur an Viehzucht, auch Ackerbau sollte es sein. Stauch wollte Kanäle bauen, die Felder bewässern. Tipps zum Anbau holte er sich in der Heimat. Barbara Reich weiß von einer Korrespondenz mit Stauchs Stiefmutter in Ettenhausen. Der Diamantenkönig habe sogar um Samen gebeten. Stauch gründete eine Gesellschaft zur Ansieldung deutscher Farmer, eine Molkerei, er baute ein Gasthaus und eine Fleischerei, investierte in eine Zinnmine. Für seinen Heimatort Ettenhausen spendierte Stauch drei eiserne Kirchenglocken, sie hängen heute noch. „Weihnachten 1920“ ist ihnen als Datum eingraviert, doch in der Familie hält sich die Geschichte, das Geläut sei bereits im Sommer jenes Jahres erstmals zu hören gewesen – zur Beerdigung von August Stauchs Vater.
August Stauch, der Eisenbahnwärter, war Multimillionär. Bis zur Weltwirtschaftskrise. Wurde sein Vermögen bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf mehr als 20 Millionen Mark geschätzt, sollte sein Imperium nun wie ein Kartenhaus zusammenfallen. Der Diamantenkönig verlor alles – bis auf seine Farm Dordabis/Ibenstein, die noch heute von Nachfahren bewirtschaftet wird. „Er hat sein Vermögen verloren – aber nicht, weil er es verplempert hat. Er wollte helfen, wollte in Südwest etwas bewegen“, fasst Barbara Reich zusammen.
Die Familie wohnte nach dem Zusammenbruch auf Dordabis, Stauch vertiefte sich in die Wissenschaft. Er verfasste Schriften über die „Grundzüge der Welt“, über das „Foucaultsche Pendel“ und schließlich zur „Widerlegung der Einsteinschen Relativitätstheorie und die Lösung der Energie- und Lichtprobleme“.
1938 ging es ihm gesundheitlich schlecht. Stauch beschloss, nach Deutschland zurückzugehen. Um sich behandeln zu lassen – und um in Breslau zu studieren. Stauch war 60. „Südwest“ sollte er nie wiedersehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg floh er von Dessau nach Ettenhausen, wo er sich in dem mit seinem Geld ausgebauten Elternhaus einmietete. Es heißt, er habe sich in seinem Heimatort nicht mehr wohlgefühlt, sei ungelitten gewesen, habe die Leute nicht gemocht. Ein Bahnwärter, der sich im Bauernhaus in wissenschaftliche und philosophische Studien verkroch.
„Das einsame Ende“ überschreibt Olga Levinson das letzte Kapitel in ihrem Buch über August Stauch und die „Diamanten im Sand“. Es beschreibt, wie der Rückweg des Deutschen in die Wüste durch den „Act 35“ – Stauch wurde ausgebürgert – unmöglich wurde, seine Armut und seine sehnsüchtigen Briefe an seine Familie. Als seine Tochter Käthe 1946 aus Berlin floh, fand sie ihren einst stattlichen Vater abgemagert und grau in Ettenhausen vor. Er hatte Magenkrebs. Im Februar 1947 wurde er ins Krankenhaus nach Eisenach gebracht. Am 6. Mai, Käthe saß neben ihm, starb August Stauch. 2,50 Mark sind ihm geblieben. Und irgendwo, glaubt seine Großnichte Barbara Reich, muss seine Uhr noch sein. Er habe sie immer getragen. Die Uhr mit dem Kratzer im Glas.

Drucken
Speichern
Versenden













