Region – Ein Pferd beim Zahnarzt. Gegenüber menschlichen Patienten hat das Tier einen großen Vorteil: Obwohl die Geräte, die ihm weit in den Rachen geschoben werden, riesig sind, verspürt es nie Würgreiz. „Geht nicht“, sagt Sarah Schneider, die ihrem Sion‘s Gismo während der Behandlung beisteht. „Oder haben Sie schon mal Pferde kotzen sehen?“

Während Simone Osterkorn (l.) das Gebiss behandelt, steht Sarah Schneider ihrem Hengst Sion‘s Gismo bei.
Bild: Sascha Bühner
Der 15 Jahre alte Hengst musste keine Praxis aufsuchen, Simone Osterkorn, die Pferdedentistin, fährt zu ihren Patienten und behandelt sie vor Ort. Die 23-Jährige aus Neu-Eichenberg in Hessen, die selbst vier Pferde hat, pflegt und behandelt Pferdegebisse in Niedersachsen, Hessen und Thüringen. „Ich bin zwischen Hannover, Paderborn, Thüringer Rhön und dem Landkreis Schmalkalden-Meiningen unterwegs“, sagt sie.
Niemals Würgreiz
Dieses Mal ist sie im hessischen Philippsthal, unmittelbar an der Grenze zum Wartburgkreis. Neben Sion‘s Gismo hat sie hier noch fünf weitere Patienten zu behandeln. Niemand muss warten, alle haben ihren festen Termin. Korrekt bezeichnet ist Simone Osterkorn keine Pferdezahnärztin, sondern -pflegerin, da sie ihren Beruf erlernt, nicht studiert hat. „Meist ist es aber keine pflegerische Sache, sondern schon eine behandelnde“ – deshalb arbeitet sie immer im Team mit einer Tierärztin, die den Pferden beispielsweise vor der Behandlung ein Beruhigungsmittel verabreicht.
So bekommt auch Sion‘s Gismo zunächst eine Spritze verpasst. Dann untersucht Simone Osterkorn das Gebiss des 15-jährigen Hengstes durch Abtasten im Maul. Damit Sarah Schneider versteht, was bei ihrem Pferd gemacht werden muss, schlägt die Dentistin der 23-Jährigen vor, das Gebiss ebenfalls abzutasten. Sie tut es, fasst dem Pferd ins Maul, ertastet scharfe Kanten an den Zähnen ihres Lieblings. „Das stelle ich mir unangenehm vor, das muss ihm doch wehtun“, sagt sie und bekommt selbst einen leicht schmerzverzerrten Gesichtsausdruck. Sie weiß, dass die Zahnbehandlung notwendig ist, glaubt aber, dass ihrem Sion‘s Gismo die ganze Sache etwas mulmig ist – deshalb steht sie ihm bei. „Ich gehe ja selbst auch nicht gerne zum Zahnarzt“, sagt sie mitfühlend.
Die Besitzer wollen meist dabei sein, sagt Simone Osterkorn. „Das ist auch wünschenswert. Denn wir sind für die Pferde Fremde, wenn da eine Kontaktperson dabei ist, ist das für die Tiere schöner, beruhigender.“
Sion‘s Gismo befindet sich nun bereits in leichtem Dämmerzustand. Das Beruhigungsmittel wirkt schnell. Er senkt den Kopf, scheinbar werden ihm alle Glieder schwer. Sarah nimmt seinen Kopf liebevoll in die Arme, küsst ihn ins Gesicht. Der Hengst schwankt leicht, die 23-Jährige bekommt ein bisschen Angst, „er wird doch jetzt nicht abklappen“. Die Tierärztin beruhigt sie: „Das ist normal.“
Mit einer großen Feile beginnt Simone Osterkorn nun die Zähne leicht anzuraspeln, „damit das Pferd merkt, das etwas passiert, daran gewöhnt wird“. Dann wird dem Tier eine Schlinge umgelegt, die den Kopf hochhält. Anders als in menschlichen Praxen arbeitet die Dentistin nicht über ihre Patienten gebeugt, sondern steht vor ihnen.
Zuerst kommen die Schneidezähne dran, die abgeschliffen werden müssen. „Das Problem ist das Futter, das die Pferde heute bekommen“, sagt Simone Osterkorn. Beim Fressen kämen die Backenzähne zum Einsatz, aber nicht mehr die Schneidezähne, die sich deshalb nicht ausreichend abnutzten. „Was dazu führt, dass die Schneidezähne immer länger werden und sich hinten ein Spalt zu den Backenzähnen bildet.“ Pferde müssten die Backenzähne aber aufeinander bekommen. Anonsten komme es – durch Druck beim Beißen oder Kauen – zu Knochendeformierungen.
Die Vibrationen während des Abschleifens sind Sion‘s Gismo offenbar unangenehm, er zuckt immer mal zurück. Die Tierärztin registriert Sarah Schneiders besorgten Blick und sagt mit Verweis auf den Dämmerzustand des Hengstes: „Wenn wir kurz vor dem Einschlafen sind, sind wir doch auch schreckhafter.“ Die Ruhigstellung des Pferdes hält nach ihren Angaben maximal 30 Minuten an, danach lasse die Wirkung langsam nach. Deshalb werden bei der Behandlung, die im Schnitt 45 Minuten dauert, die unangenehmsten Dinge wie das Schneidezähneschleifen gleich zu Beginn erledigt. Insgesamt dürfen die Pferde nach der Beruhigungsspritze drei Stunden lang nichts fressen, „weil durch die Beruhigung der Schluckreflex herabgesetzt wird, dadurch können sie eine Kolik bekommen, oder eine Schlundverstopfung“, erklärt die begleitende Veterinärin. „Wir haben heute aber Medikamente, die sie gut vertragen, die man auch alten Pferden verabreichen kann.“ Es gebe auch Pferde, die sich bei der Behandlung wehren, „selbst wenn man die doppelte Menge Beruhigungsmittel spritzt“. Sion‘s Gismo sei sehr umgänglich. „Er macht schön mit.“
Um das Maul des Pferdes wirbelt mittlerweile eine große Staubwolke. Der Geruch des Zahnstaubes macht der Besitzerin etwas zu schaffen. Doch sie hält den Kopf des Hengstes tapfer weiterhin liebevoll fest. Zwischendrin bekommt das Pferd, wie beim Zahnarzt üblich, Mundspülungen verpasst – mit einer riesigen Spritze gibt Simone Osterkorn dem Hengst immer wieder Wasser ins Maul.
Die Schneidezähne sind auf die richtige Länge gebracht, nun wendet sich die Dentistin den Backenzähnen zu. Weil Pferde das Maul nicht bereitwillig aufhalten, wie es Menschen beim Zahnarzt meist notgedrungen tun, wird mit einem Maulgatter nachgeholfen. Das Gerät sperrt Ober- und Unterkiefer auseinander. So wird auch verhindert, dass das Tier vor Schreck zubeißt.
Durch das Mahlen des Korns, nutzen sich die Zähne der Pferde ab, erklärt die Veterinärin, „dadurch entstehen Ecken, Kanten und Schärfen.“ Die sollen nun abgeschliffen werden. „Manche Pferde haben einen Wolfszahn als Überbleibsel von früher“, sagt Simone Osterkorn. „Das ist ein zurückgebildeter Backenzahn, evolutionstechnisch gesehen. Letztendlich drückt das Gebiss gegen diesen Wolfszahn, was dem Pferd Schmerzen bereitet.“ Diese Relikte müssten gezogen werden. Bei Sion‘s Gismo gibt es das Problem nicht.
Schneidezähne werden zu lang
Mit verschiedenen Raspeln gleicht Simone Osterkorn die Unregelmäßigkeiten, die sich an und in den Zähnen befinden, aus, schleift scharfe Kanten ab, feilt Häkchen rund. Die Dentistin kommt ins Schwitzen. „Das ist auf jeden Fall eine harte körperliche Arbeit“, sagt sie. Immer wieder verschwindet ihr linker Arm bis zum Ellenbogen im Rachen des Hengstes. Ist das nicht gefährlich? „Mir ist bei einer Behandlung noch nie etwas passiert“, sagt Simone Osterkorn. „Aber manche Pferde haben schon mal eine schlechte Erfahrung gemacht, die lassen sich nicht gerne spritzen, dann kann es schon mal passieren, dass sie austreten. Aber das ist nicht die Regel.“
Sion‘s Gismo hält still, lässt friedlich alles über sich ergehen, gibt nur einmal einen Laut von sich, weshalb Sarah Schneider fragt: „Warum grunzt er jetzt?“ Kein Grund zur Sorge, alles in Ordnung. Es ist eine normale Zahnbehandlung, „keine große Katastrophe“, sagt die Dentistin. Nicht mal ein Zahn muss gezogen werden. Mit seinen 15 Jahren hat Sion‘s Gismo noch ein gutes Gebiss – das, nach Meinung der Dentistin, wie bei allen Pferden regelmäßig kontrolliert werden sollte. Das sieht auch die Tierärztin so: „Einmal im Jahr sollte man nachschauen. Wenn es irgendwelche Anomalien gibt, zum Beispiel einen verlorenen Backenzahn, selbstverständlich öfter.“
Dem Hengst wird das Maulgatter entfernt. Sarah Schneider wirkt nun wesentlich gelöster. War die Behandlung schwer zu ertragen? Sie schüttelt den Kopf. „Wenn man ein Pferd so lange besitzt, gewöhnt man sich an alles. Ich habe Sion‘s Gismo seit zehn Jahren. Da musste ich schon anderes durchstehen“, sagt sie lachend. Noch etwas wacklig auf den Beinen trabt der Hengst nun neben ihr her nach Hause davon. bf










