Südthüringer Zeitung

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Ressort Thüringen
Erschienen am 23.02.2010 00:00
Studie
Die Westmedien und der undankbare Ossi
Die Berichterstattung über Ostdeutsche in überregionalen Medien hat sich seit 1990 kaum verändert. Das negative Bild hat sich mit der Zeit verfestigt.
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Ein Riss geht durchs Land, auch durch seine überregionalen Zeitungen - Abbildung auf einem Reststück der Berliner Mauer.
Bild: Vario Images

In diesem Jahr wird der 20. Jahrestag der Wiedervereinigung gefeiert. Wissenschaftler aus Ost und West haben untersucht, wie sich das Bild Ostdeutschlands und der Ostdeutschen in den überregionalen Medien verändert hat, und sind zu überraschenden Ergebnissen gekommen. Das deutsch-deutsche-Päckchenmuster - der Westen gibt, der Osten nimmt - setzt sich in Zeitungen und im Fernsehen fort, erklärt der Jenaer Historiker Rainer Gries, der die Studie geleitet hat.

Herr Gries, wie hat sich das Bild des Ostdeutschen und Ostdeutschlands in den vergangenen zwei Jahrzehnten verändert?

Die Grundhaltung der überregionalen Medien, die überwiegend im Westen Deutschlands gemacht werden, hat sich von der friedlichen Revolution 1989 bis zur Mitte des letzten Jahrzehnts kaum verändert. Es ist ein Blick von oben nach unten - in je unterschiedlicher Ausprägung.

Gibt es den Medien-Ossi?

Nein, das wäre zu viel gesagt. Man findet unterschiedliche mediale Charakterisierungen von Ostdeutschen. Aber es gibt eine allgemeine Einstellung und die lautet: Wir sind die Einen, wir sind das Maß - und die Ostdeutschen sind die Anderen. Der Ostdeutsche ist derjenige Deutsche mit Defiziten und Schwächen, dem man helfen und den man womöglich auch tadeln muss. Selbstverständlich gestalten unterschiedliche Medien dieses Thema auf unterschiedliche Art und Weise.

Zum Beispiel?

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Rainer Gries war einer der Projektleiter.
Bild:  
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung beispielsweise sieht die Probleme der Vereinigung zumeist aus einer politischen Perspektive, also von oben. In den Kommentaren heißt es dann, vereinfacht gesagt: Wir Westdeutschen haben durch die Transferleistungen im Osten eine tolle Infrastruktur aufgebaut, aber die Ostdeutschen bleiben unzufrieden, undankbar und ungerecht. Sie sind und bleiben politische Nostalgiker, die der DDR nachtrauern. Die alternative tageszeitung hatte einen anderen Zugang. Sie schaute sich Land und Leute genau an, beobachtete das Geschehen von unten. In den 90er Jahren veröffentlichte die taz gerne Reportagen über die Menschen vor Ort. Mit der Zeit aber stellten die Journalisten fest, dass die Ostdeutschen nicht von einer gesellschaftlichen Umgestaltung nach ihren Vorstellungen träumten. Das wohlwollende Interesse wich, als klar wurde, dass die ostdeutschen Revolutionäre nicht den Idealen der taz, sondern den Idolen der westdeutschen Konsumgesellschaft folgten. Die taz porträtierte Ostdeutsche daher häufig als von der Diktatur deformierte, autoritäre Persönlichkeiten.

Welche Vorurteile lassen sich ausmachen?

Nehmen wir ein Format aus dem Fernsehen: Fremdenfeindlich, unsicher, unbeweglich und unzufrieden - das sind Eigenschaften, die den Ostdeutschen im ARD-Magazin Kontraste zugeschrieben wurden. Ostdeutsche können sich nicht mit der Marktwirtschaft anfreunden, nicht mit Geld umgehen, sie kommen mit der Demokratie nicht klar, sie sind zu sehr mit der Heimat verbunden, sie sind unflexibel und undankbar. Diese Elemente tauchen in unterschiedlicher Zusammenstellung immer wieder auf. Es gibt nicht den Medientypus Ossi, sondern Eigenschaften, die ihm zugeschrieben werden. Das bedeutet übrigens nicht, dass im Westen irgendwelche Dunkelmänner eine Kampagne gegen den Osten steuern.

Auf welche Themen konzentriert sich die Berichterstattung über Ostdeutsche?

Es gibt Top-Themen, wenn es um den Osten geht. Eine Analyse zeigt, dass zumeist Gewalt und Kriminalität, Partei- und Innenpolitik sowie Ökonomie und Geschichte problematisiert wurden. Bei den Politik- und Wirtschaftsthemen erschienen ostdeutsche Regionen oft passiv: als Objekt politischer Aktivitäten des Westens oder als Empfänger von Zuwendungen. Und wenn es um Geschichte ging, dann dominierte die Staatssicherheit.

Selbstverständlich galt es, präzise und ausgiebig über die DDR-Diktatur zu berichten. Was wir aus unseren Erhebungen herauslesen können, ist jedoch, dass es an einer differenzierten Berichterstattung aus Ostdeutschland mangelt: Ostdeutsche sind demnach stets passive Figuren, denen aus Westdeutschland das Feuer gebracht wird. Das stimmt natürlich nicht, wenn man genauer hinschaut. Mit der Zeit verdichtete und verfestigte sich aber das negative Bild vom Ostdeutschen. Und auf dieses Wahrnehmungsmuster antworten die Ostdeutschen bis heute.

Wie antworten sie?

Sie merkten bald nach der Wende, dass sie von bestimmten Medien in eine Form gepresst wurden und keine Chance hatten, als Menschen dargestellt zu werden, die ihr Schicksal mutig und aktiv in die Hand nehmen. Bald nach der Wende galten die Ostdeutschen nicht mehr als Subjekte ihrer Geschichte, sondern als Objekte - der Westen musste ihnen Entwicklungshilfe leisten, so der Tenor.

Deswegen finden überregionale Medien im Osten nur wenige Leser oder Zuschauer?

Natürlich. Die überregionalen Medien spielen im Osten keine Rolle - im Gegensatz zur Super Illu, die hier top ist. Die Ostdeutschen wussten bald, dass sie in diesen Medien nicht in ihrem Sinne repräsentiert sind. Also konzentrierten sie sich auf die regionale Presse und auf die dritten Fernsehprogramme wie MDR oder RBB - die Heimatsender. Die Programme geben ihnen bis heute Sicherheit und streicheln ihre Seele. Probleme werden ausgespart und die Vergangenheit, die vorgeführt wird, ist sozusagen ein "Kessel Buntes".

Woran liegt es, dass über die Medien Vorurteile transportiert werden?

Es gibt eine Regel: Wenn ich etwas über den anderen aussage, sage ich im selben Atemzug auch etwas über mich selbst. Das, was die großen Westmedien bei den Ostdeutschen wahrnehmen, sind Fehler und Mängel, von denen sie glauben, dass sie sie überwunden haben: Dort sind inaktive, autoritätshörige und jammernde Ostdeutsche - wir im Westen aber sind das Gegenteil. Man spaltet das eigene Unerwünschte oder Überwundene ab - und schreibt es den Anderen zu. Das ist der sozialpsychische Sinn solcher Muster. Man kann daher aus der Art der Berichterstattung mehr über die westdeutschen Journalisten, ihre Leser und ihre Zuschauer herauslesen als über die Ostdeutschen.

Heißt das, ich mache andere schlecht und fühle mich dadurch besser?

Das wäre so zu einfach. Eine Gruppe schreibt einer anderen Gruppe etwas zu und bestätigt sich so selbst darin, anders zu sein. Daher lautet der Untertitel unseres Buches: "Das Bild von den Anderen nach 1990". Die Vorstellung, dass der Westen besser ist, dass es ein Gefälle von West nach Ost gibt, dass der Westen gibt - und der Osten nimmt, ist nicht neu. Sie ist seit Kriegsende 1945 in den Köpfen der Menschen und regiert die deutsch-deutsche Beziehungsgeschichte bis heute.

Woran wird das deutlich?

Denken Sie an die Westpakete. Über vierzig Jahre kommunizierten die Deutschen in Ost und in West auch über den Versand von Paketen. Auch hier finden wir das Muster wieder: Die Westdeutschen leben im Wohlstand und sind die Gebenden - die Ostdeutschen schauen voller Sehnsucht gen Westen und sie sind die Nehmenden, die dankbar sein sollen oder müssen. Das Schema, das wir nach 1989 in den Medien erkennen können, entpuppt sich als eine Fortsetzung des deutsch-deutschen Päckchenmusters! Diese Päckchenmentalität existiert bis heute. Zuweilen werden die Transferleistungen politisch in Frage gestellt - doch sozialpsychologisch gesehen, stabilisierte dieses Muster beide Seiten: Der Westen fühlte sich so immer wieder in seiner Position als potenter Wohltäter bestätigt - und der Osten kann auf Grund dieses seit einem halben Jahrhundert eingeübten Musters Forderungen gen Westen erheben.

Welche Forderungen?

Ich meine die politische Ebene. Die Transferleistungen von West nach Ost fügen sich so gesehen wie selbstverständlich ein. Die Medienlandschaft nach der friedlichen Revolution reproduzierte das hergebrachte deutsch-deutsche Muster des Gebens und des Nehmens. Das Päckchenmuster, oder anders gesagt: Das Schema hier Spender - dort Empfänger, ist die versteckte Grundstruktur, auf Grund derer ostdeutsche Politiker die Fortführung von Transferleistungen aus dem Solidarpakt verlangen können.

Welche Auswirkungen auf das oft beschworene Zusammenwachsen hat die Berichterstattung?

Das Zusammenwachsen dauert länger, als man gerne glauben möchte. Zur Berichterstattung der Jahre nach der Revolution kommen noch die Erfahrungen der Nachwendezeit und die Erzählungen. Diejenigen Generationen, die die DDR nicht mehr selbst erlebt haben, erfahren die gegenseitigen Wahrnehmungsmuster nicht nur über Medien, sondern auch durch die Weitergabe in der Familie, im Freundeskreis und am Arbeitsplatz. Gleichwohl: Bei den Jüngeren schleifen sich allmählich die Vorurteile ab. Es gibt Nivellierungsprozesse, aber sie brauchen Zeit. Wir plädieren keineswegs für eine homogene gegenseitige, sondern für eine differenzierte Wahrnehmung. Im Übrigen verändert sich auch die Berichterstattung, keine Frage. Aber wir müssen Geduld aufbringen.
 
Interview: Diana Unkart

 
 
 

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