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Ressort Thüringen
Erschienen am 16.04.2008 00:00
Pfarrer-„Fluch(t)“
„Bitte entfernt das Plakat“
Rudolstadt zwischen Hass-E-Mails und unterstützenden Leserbriefen
Von stz-Korrespondent Georg Grünewald

Rudolstadt „Wir sind fremdenfreundlich!“ Das Spruchband quer vor dem Rudolstädter Rathaus ist nicht zu übersehen – wie die Verzweiflung in der Stadt des Tanz- und Folkfestes, zu dem sich jährlich Anfang Juli über 100 Weltmusik-Bands und 60 000 Folkfans aus aller Welt am Fuße der Heidecksburg versammeln.

Seit die Berichterstattung über Pfarrer Reiner Andreas Neuschäfer und dem Fremdenfeindlichkeits-Erleben seiner Familie eingesetzt hat, strömen Journalisten und Kamera-Teams en masse in die 25 000-Einwohner-Stadt, die sich jetzt gegen den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit wehren muss und um Schadensbegrenzung bemüht ist. Tendenz: vergeblich.

Der Image-Schaden sei unvorstellbar, klagt der Pressesprecher, bei dem die Anfragen der Medien auflaufen – regionale, überregionale und selbst internationale, nachdem die Nachrichtenagentur AP auch außerhalb Deutschlands von dem Fall berichtet hatte. Oft sei der Tenor der Berichterstattung schon an der Fragestellung zu erkennen.

Ein Negativ-Höhepunkt für viele: die ARD-Tagesthemen. Unter der Rubrik „Rechter Terror. Neonazis vertreiben Pfarrersfamilie“ wird das Thema angekündigt. Im Hintergrund ist das Bild eines Skinheads zu sehen. Dabei hatte Neuschäfer nicht explizit über Neonazis berichtet, sondern die „Fremdenfeindlichkeit im Alltag“ beklagt, die seine Familie nach eigenem Bekunden nicht auf Rudolstadt begrenzt wissen will.

Zwei Beiträge zum Thema Fremdenfeindlichkeit beziehungsweise Rechtsradikalismus seien in einem Block behandelt worden, verteidigt eine Sprecherin des Norddeutschen Rundfunks den ARD-Beitrag. Außerdem habe man explizit auf die Unterschiede hingewiesen. „Die Familie Neuschäfer beklagt also die alltäglichen Drangsalierungen und Anfeindungen von allen möglichen Mitbürgern. In Dresden geht es morgen um radikale Neonazi-Aktivitäten.“

Der Blick auf die Hass-E-Mails, die die Stadtverwaltung Rudolstadt neuerdings erreichen, vermittelt einen ersten Eindruck von den möglichen Folgen der Berichterstattung. Auf rund 350 beziffert sie die Stadtverwaltung. „Erschüttert durch den Bericht sagen wir einen geplanten Besuch ihrer Stadt mit einer Gruppe amerikanischer Besucher ab“, ist zu lesen. „Die Bürger ihrer Stadt verhalten sich wie Primaten“, heißt es in einer anderen E-Mail. Jemand befürchtet, als „Westdeutscher“ auch als Rassist im Ausland beschimpft zu werden. „Pfui Deibel“, schreibt ein Zuschauer, noch bevor die Tagesschau zu Ende ist. Gerne sei er bisher Gast beim Tanz- und Folkfestival gewesen. Die Betonung legt er ausdrücklich auf „gewesen“ und will den „angeblich so gastlichen Ort nicht mehr betreten“. Ein anderer fordert den Rücktritt des Bürgermeisters Jörg Reichl (parteilos).

Der hat allerdings die „Rudolstädter Pfarrersfamilie Neuschäfer“ in einer persönlichen Erklärung vor dem Stadtrat um Entschuldigung gebeten und sich „empört und entsetzt über das“ gezeigt, was ihr „hier passiert ist“. Gleichzeitig forderte Reichl „alle Einwohner unserer Stadt, die ein Gewissen haben, auf, dieses Unwesen nicht zu tolerieren, sondern Zivilcourage zu zeigen und aktiv dagegen vorzugehen“.

Täglich berichtet die Lokalpresse über den aktuellen Wasserstand der Neuschäfer-Lawine, die die Stadt überrollt. Etwa, dass die Internetseite der Stadt binnen 10 Tagen rund 280 000-mal angeklickt worden ist. Im Januar seien es nicht mal 5000 gewesen.

Inzwischen füllt der Wegzug auch die Leserbriefspalten der Ostthüringer Zeitung. Teils mit sehr persönlichen Erlebnissen. Der Tenor: Die Vorfälle soll man nicht bagatellisieren. Aber Pfarrer Neuschäfer scheint auch andere Gründe für den Rückzug aus Rudolstadt zu haben. „Mir scheint es, dass ihr Problem, sich zu integrieren, bei ihnen lag“, schreibt eine Leserin aus der Stadt, in der sie „als Ausländerin so viel Freundlichkeit empfangen“ hat.

Eine Leserin berichtet von Leserbriefen Neuschäfers in einer Elternzeitschrift, die sie in ihrem Selbstverständnis hart getroffen hätten. Eltern, die ihre Kinder auf kostenlose Schulen schicken, zeigten den Kindern, dass sie nichts wert sind, habe Neuschäfer dort geschrieben und: Frauen, die ganztägig arbeiten, seien ausschließlich auf Selbstverwirklichung aus und vernachlässigten ihre Kinder.

Natürlich seien solche Aussagen nicht widerspruchslos hingenommen worden, schreibt die Frau und bringt die „Kränkungen der Familie Neuschäfer“ ins Spiel: Die Eltern entwickelten eine „paranoide Neigung“, jede Kritik auf die Hautfarbe der Kinder und der Mutter zu beziehen“.

Kennengelernt habe sie die Neuschäfers übrigens auf einer Geburtstagsfeier, auf die Neuschäfers nach ihren Äußerungen nie eingeladen gewesen seien. Kaum die Hand habe sie Neuschäfer gegeben, sei er schon per „Du“ mit ihr gewesen und habe äußerst private Fragen über das Zusammenleben mit ihrem Mann gestellt. Am Ende spricht sie die Familie direkt an: „Diese Distanzlosigkeit war es, die mich Abstand nehmen lassen hat von Euch.“

Auch in der Landeskirche Thüringen laufen die Bemühungen um Aufklärung der Vorfälle auf Hochtouren. Dazu sollte Neuschäfer bis gestern eine Chronologie aller Vorfälle erstellen und darlegen, was er unternommen und wen er mit welchem Ergebnis um Hilfe gebeten hat. Am 23. April will Bildungsdezernent Christhard Wagner dann ein weiteres Gespräch mit dem Pfarrer führen.

Die Stadt kann inzwischen auch die Gegenreaktion der Sympathie-E-Mails registrieren. „Es tut mir leid, dass die Bürger Rudolstadts so in den Dreck gezogen werden“, schreibt ein Tanzfestbesucher, „Eure Stadt hat das nicht verdient“.

Auch das Selbstvertrauen scheint in der Region langsam wieder zurückzukehren. „Bitte entfernt das Plakat“, wünscht sich in einem Leserbrief ein Pfarrer, der Neuschäfer als „liebenswerten Kollegen“ beschreibt. „Wir haben nicht nötig, Fremdenfreundlichkeit plakativ zu beteuern wie ein Sünder mit schlechtem Gewissen. Rudolstadt hat dies schon längst bewiesen.“

 
 

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