Wie groß war der Einfluss, den die Stasi auf den Rundfunk in der DDR und der Bundesrepublik Deutschland hatte? Diese Frage untersuchten Wissenschaftler des Forschungsverbundes SED-Staat der FU Berlin im Auftrag der ARD. Nun liegen die Ergebnisse als Buch vor.
Zwar hatte die SED in der DDR die Zügel der Informationspolitik fest in der Hand. Doch ein wirkliches Informationsmonopol ergab sich daraus nicht. Denn in fast alle Bezirke funkte der westdeutsche Klassenfeind: mit paralysierender Wirkung für den SED-Staat. Die Realsozialisten setzten deshalb alles daran, diese Quelle der Destabilisierung unter ihre Kontrolle zu bekommen.
Zu diesem Zweck sammelte das MfS mit Hilfe von inoffiziellen Mitarbeitern (IM) Informationen in westdeutschen Sendern. Trotz dieser Bemühungen - und das ist eines der wichtigsten Ergebnisse der Studie - ist es dem MfS nicht gelungen, Entscheidungen auf der ARD-Leitungsebene oder in einem der dazugehörenden Sender zu manipulieren. Zudem war der Einsatz inoffizieller Mitarbeiter geringer als zunächst vermutet. Einfluss übten die Parteigänger der SED gleichwohl aus, insbesondere in den realsozialistische Zustände oft verharmlosenden Zeiten der Entspannungspolitik. So schilderte die ehemalige Chefredakteurin des Hessischen Rundfunks und heutige Bundestagsabgeordnete der Partei "Die Linke", Luc Jochimsen, die DDR in einem Film als wahres Frauenparadies. Die Interviewpartner waren - ohne Wissen der Journalistin - von SED und Stasi hinsichtlich ihrer ideologischen Zuverlässigkeit ausgesucht.
Nach wie vor brisant ist ein Fall aus dem ZDF: Dietmar Schumann, der als DDR-Journalist in der Sowjetunion, Ungarn und sogar in Österreich unterwegs war. Unter dem Decknamen "Basket" führte die Hauptverwaltung Aufklärung des MfS den Moskauer Korrespondenten. Der soll über Gespräche mit dem ZDF-Kollegen Dirk Sager berichtet haben, außerdem über die Politiker Hans-Jochen Vogel und Richard von Weizsäcker. Insgesamt gehen 37 Informationen auf "Basket" zurück. Schumann bestritt inzwischen, wissentlich für das MfS tätig gewesen zu sein.
Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Untersuchung der Überwachung der elektronischen Medien in der DDR, die offenkundig besonders eng gestrickt war. Danach hat es sowohl durch das Leitungspersonal als auch in den Redaktionen selbst eine offizielle als auch inoffizielle Zusammenarbeit mit der zuständigen Abteilung des MfS gegeben. Nach Einschätzung der Autoren wirkt dieses Erbe fort. Die Lösung aus jahrzehntelanger MfS-Verstrickung und Parteizugehörigkeit habe sich für die Sendeanstalten der neuen Bundesländer als "ein schwieriger, langwieriger und oft schmerzhafter Prozess" erwiesen.
Abgeschlossen ist er nicht. Eine wichtige Diskussionsgrundlage bildet diese Studie, mit der die Verfasser einen sehr verdienstvollen Beitrag zur Erhellung der SED-Medienpolitik im Rundfunk geliefert haben.
Jochen Staadt, Tobias Voigt, Stefan Wolle: Operation Fernsehen - Die Stasi und die Medien in Ost und West, Vandenhoeck & Ruprecht Verlag; Göttingen 2008; 447 Seiten; 29,90 Euro.










