SCHMALKALDEN – Im Hause Fischer auf der Schillerhöhe stand gestern Morgen das Telefon nicht still. Bereitwillig gaben Helga und Willi Fischer Freunden, Bekannten und Medienvertretern immer wieder Auskunft zur Entscheidung ihres Sohnes. Die Eltern sehen seinen Entschluss mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Klar hätte er noch die Kraft, ein paar Jahre zu laufen“, sagt Vater und Manager Willi Fischer gegenüber stz. Doch er und seine Frau akzeptierten natürlich auch die Entscheidung für seine Familie. „Papa, wann kommst du denn nach Hause“, habe Emilia Sophie immer gefragt, wenn Sven von den Wettkämpfen daheim angerufen habe, erzählt Willi Fischer. „Das hat wohl den Ausschlag für seine Entscheidung gegeben.“
Man müsse schon sehen, dass Biathlon ein Ganzjahressport ist. Vom 1. Mai bis zum 20. März des darauffolgenden Jahres geht die „Saison“, sind die Athleten immer wieder zu Training und Wettkämpfen unterwegs. „Die Familie kommt da absolut zu kurz. Und dieses Missverhältnis will Sven nun beenden“, erklärt sein Vater.
Sich mehr der Familie widmen, seine Freundin Doreen heiraten, ein Haus bauen, dafür sorgen, dass Emilia Sophie nicht als Einzelkind aufwachsen muss – so umriss der mehrfache Olympiasieger Sven Fischer seine nächsten Ziele. Den Heiratsantrag hat er seiner Freundin schon gemacht, und das ganz romantisch. „Vor zwei Wochen hat er mich abends abgeholt, mich in seinen Garten am Grasberg gefahren“, erzählt Doreen Ehrle. Dann habe er sie über die Wiese getragen und vor einem Herz aus brennenden Fackeln abgesetzt. „Er kniete vor mir nieder und hat gefragt, ob ich ihn heiraten will.“ Dass sie Ja gesagt hat, ist wohl keine Frage. Auch, dass sie sich schon nach einem Bauplatz für das Haus umgesehen haben, verrät die junge Frau. In Schmalkalden oder Floh-Seligenthal soll es stehen. Man hat sich noch nicht ganz entschieden. Und der angekündigte Familienzuwachs? Dazu hält sich Doreen mit Auskünften zurück.
Dass sie sich freut, dass Sven nun mehr Zeit für sie und Emilia haben will, ist keine Frage. „Aber gedrängt, aufzuhören, habe ich ihn nicht. Wenn er noch ein, zwei Jahre hätte weitermachen wollen, hätte ich das auch akzeptiert.“
Immer ein Kloß im Hals
24 Jahre Leistungssport hat Sven Fischer hinter sich. Und er hat alles erreicht, was man als Biathlet nur erreichen kann. Mit zwölf Jahren schon ging er weg von zu Hause, zur Sportschule nach Oberhof. Mutter Helga erinnert sich noch sehr gut. Es sei auch für sie nicht leicht gewesen, den „kleinen Sveni“, wie er damals genannt wurde, am Sonntagabend wieder nach Oberhof fahren zu lassen. „Da war immer der Kloß im Hals“, erinnert sie sich. Als Sportlehrerin hatte sie – ebenso wie ihr Mann als Trainer – aber auch den Blick dafür, dass aus ihm mal etwas werden könnte. „Er hatte viele Eigenschaften, die man braucht, um im Leistungssport zu bestehen – Ehrgeiz, Biss, Willensstärke.“ Doch die Eltern haben ihn nie gedrängt, immer gesagt. „Wenn es keinen Spaß mehr macht, du kannst immer zurück nach Hause.“ Dass ihr Sohn mal Weltmeister und gar Olympiasieger werden könnte, daran habe sie damals überhaupt nicht gedacht, sagt Helga Fischer.
Nach dem für sie aufregendsten Wettkampf ihres Sohnes befragt, nennt sie ohne zu zögern Olympia vor zwei Jahren. „Dass es das letzte Mal ist, dass er als Sportler dabei sein kann, war einfach auszurechnen. Dass es auch noch zwei Goldmedaillen geworden sind – da überschlagen sich die Gefühle, auch bei der Mutter.“ Sven habe eigentlich auch immer gesagt: „Noch einen Einzelsieg bei Olympia und dann aufhören.“ Trotzdem hat er aber noch eine erfolgreiche Weltmeisterschaft in diesem Jahr angehängt, ehe er nun die endgültige Entscheidung traf.
Die Eltern waren bei seinen drei letzten Weltcup-Wettkämpfen in Finnland, Norwegen und in Khanty-Mansisk in Sibirien dabei. Mit Sibirien verbinden sie ganz besondere Eindrücke. „Er wurde dort wirklich unbeschreiblich herzlich aufgenommen und gefeiert. „Molodez – Prachtkerl“, hätten die Leute immer wieder gerufen. Auch, und gerade weil er bei größter Kälte ohne Handschuhe läuft, haben ihn die Menschen in Sibirien in ihr Herz geschlossen. Auch sie als Eltern seien so warmherzig willkommen geheißen worden und erhielten heute noch e-Mails mit Grüßen und guten Wünschen.
Im Stillen genossen
„Aber damals in Sibirien hat er dann schon so was angedeutet. Da war uns klar, dass er wohl aufhören wird“, sagen die beiden. Doch als die Riesenabschiedsgala in diesem großen Stadion in Khanty-Mansisk für die Athleten gefeiert wurde, die ihren Abschied vom Leistungssport bereits verkündet hatten, da saß Sven still am Rande und hat mit keiner Silbe verlauten lassen, dass auch er eigentlich dazugehört. „Dieser ganze Rummel um seine Person war ihm immer zu viel. Er ist bescheiden geblieben und hat bei allem Erfolg nie abgehoben“, sagt seine Mutter Helga und ist darauf mindestens genauso stolz wie auf die großen Erfolge ihres Sohnes. (ng)

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