Südthüringer Zeitung

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Erschienen am 21.04.2009 00:00
Zeitgeschichte
Poetisch und dennoch politisch
Präsentation des Dokumentarfilmes "Verriegelte Zeit" von Sibylle Schönemann

Geisa - Das anfängliche Schmunzeln über das etwas

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Die Regisseurin Sibylle Schönemann (M.) im Gespräch mit Angelina Hardt, Christin Kißner, Christoph Schliewe und David Poschl. Foto: sir
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hölzerne Auftreten der Arbeiter an der Grenzübergangsstelle Herleshausen oder den stark sächselnden Akzent der Bewohnerin von Hohenleuben erstarb bald auf den Lippen der Zuschauer. Da gab es nichts Erheiterndes mehr in diesem Dokumentarfilm, nur noch Bedrückendes und Beängstigendes aus der jüngsten Geschichte. Der Film "Verriegelte Zeit", der am Sonntagabend im "Haus auf der Grenze" in der Gedenkstätte Point Alpha präsentiert wurde, erzählt die persönliche Geschichte der Regisseurin Sibylle Schönemann. Sie und ihr Mann wurden 1984 nach einem Ausreiseantrag verfolgt, inhaftiert, verurteilt und schließlich 1985 von der Bundesrepublik freigekauft.

Nachdem die Grenze geöffnet wurde, ging die einstige DEFA-Regisseurin dahin zurück, wo sie bespitzelt und inhaftiert, wo sie als politische Gefangene in Zehn-Stunden-Schichten Taschentücher nähen musste. Eine Reise rückwärts, eine Reise in die Vergangenheit. Sibylle Schönemann wollte verstehen, warum es so kam, sie suchte und traf die Menschen, die ihr Schicksal beeinflusst haben: den Vernehmer, die Frau Hauptmann Kirst aus dem Knast in Hohenleuben, den Richter, der sie verurteilte, den einstigen Chef der DEFA, den Referatsleiter der Stasi, der für sie "zuständig" war, den Rechtanwalt Vogel, der den Freikauf des Ehepaares erwirkte. Sie suchte nach Erklärungen - wie funktionierte das System, wie die Menschen?

Der Film, mit 90 Minuten ein ungewöhnlich langer Dokumentarfilm, ist die sehr persönliche Geschichte der Sibylle Schönemann. Er nimmt die Zuschauer mit in eine abstruse Welt, in der ein Staat sich bedroht fühlt von einem Ehepaar, das mit seinen zwei Kindern in einem anderen Land leben möchte. Die Regisseurin führt die Besucher an Orte, die ihre schmerzvollen Erinnerungen wachriefen. Die Gefängniszelle in Hohenleuben beispielsweise oder das Gericht, wo sie zu einem Jahr und ihr Mann zu einem Jahr und zwei Monaten Haft verurteilt wurde.

Rund 60 Zuschauer, darunter auch viele Schüler, kamen am Sonntagabend ins Haus auf der Grenze, um sich den Film "Verriegelte Zeit" anzuschauen. Im Anschluss daran gab es eine Diskussionsrunde, moderiert von dem Journalisten und Autor Roman Grafe, mit Schülern des Rhöngymnasiums Kaltensundheim. Sie hatten bereits im Vorfeld den Film gesehen und sich mit ihm auseinandergesetzt. Aber nicht nur sie, auch viele andere Zuschauer hatten Fragen und Anmerkungen zum Film. Im Gespräch erfuhr das Publikum mehr über die Künstlerin Schönemann. Über ihre diffusen Ängste, die Orte ihrer Pein wieder aufzusuchen, mit den Leuten zu reden. Dies gelang ihr in einer äußerst bewundernswerten ruhigen und souveränen Art, die den Film eben dadurch zu einem wichtigen Zeugnis der Zeit machen. Anhand der persönlichen Geschichte hat sie aufzeigen können, wie die Menschen in dem System funktionierten und wie sie versuchen zu verdrängen, zu verharmlosen, Verantwortung von sich schieben. "Verriegelte Zeit" wurde auf vielen Festivals rund um die Welt gezeigt, so Sibylle Schönemann. In den Diskussionen zum Film ging es weniger um ihre persönliche Geschichte, sondern eher um die Aufdeckung der totalitären Strukturen.

Die Sprache des Films ist eine ungewöhnliche. Es gibt sehr stille Passagen, langsame Bildfolgen, die dem Zuschauer Raum und Möglichkeit lassen, den Gefühlen der Bedrängnis, der Angst und der Wut zu folgen, sie - wenn auch nur in Ansätzen - nachzuempfinden. Obwohl unmittelbar nach der friedlichen Revolution gedreht, ist es ein zeitloser Film. Als einen sehr poetischen Film bezeichnet ihn Roman Grafe. Er hofft, dass 20 Jahre nach dem Mauerfall mehr solcher Filme im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen sein werden. So gibt es eine deutsch-italienische Co-Produktion, an der auch Sibylle Schönemann mitgewirkt hat: "Risse im Land" - das Leben und Sterben des Michael Schmidt, die Geschichte eines tödlich endenden Fluchtversuches aus der DDR. Dieser Film wurde schon in Italien gezeigt, aber bisher nie im deutschen Fernsehen. sir

 
 

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