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Geisa – Kerstin Leipold hatte sich verliebt. Im August 1981 machte die junge Frau aus Eisfeld Urlaub in Ungarn und lernte dort den zehn Jahre älteren Franco Oreti kennen. Relativ schnell entschloss sich das Paar zu heiraten und stand vor einem schier unlösbaren Problem: Kerstin Leipold lebte in der DDR, Franco Oreti in Italien, dazwischen der nahezu unüberwindbare „Eiserne Vorhang“, welcher damals Europa in zwei Machtblöcke teilte.
„Leseland“ heißt eine Veranstaltungsreihe in Kooperation der Bundesbeauftragten und der Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen mit der Gedenkstätte Point Alpha. Schüler lesen hierbei aus Stasiunterlagen, beschäftigen sich mit dem Schicksal der Opfer. Zwei solcher Lesungen gab es bislang mit Vachaer Gymnasiasten. Bei der dritten, trotz widrigens Wetters sehr gut besuchten „Leseland“-Veranstaltung am Donnerstag nahmen fünf Zehntklässler der Geisaer Ulstertal-Regelschule im Podium Platz. Katharina Reinhard, Anne Melzer, Sebastian Ritz, Cornelius Wiegand und Andreas Walenta lasen und erzählten die Geschichte von Kerstin Leipold und Franco Oreti – dramaturgisch interessant gestaltet. So sprachen sie, wie in einer Hörspiel-Dokumentation, in aufgeteilten Rollen. Zudem umrahmte Sebastian Ritz die Lesung mit Gesang und Gitarre.
„Wir nahmen gerne an ,Leseland‘ teil. Es ist uns wichtig, die Opfer der Stasi nicht zu vergessen“, sagte Andreas Walenta. Er gab zunächst eine Einführung in die Methoden der Stasi gegen die Bevölkerung im eigenen Land.
In den Stasi-Akten war Kerstin Leipolds Lebenslauf, aber auch ihr familiäres und gesellschaftliches Umfeld genau beschrieben. Eigentlich eine normale Biografie: Schulabschluss, Lehre in einem Möbelwerk in Sachsenbrunn, später in der Lohnbuchhaltung im Eisfelder Zeiss-Werk beschäftigt. „Das Verhältnis gestaltet sich so, dass sie die Ehe anstreben, verbunden mit einem rechtswidrigen Ersuchen auf Übersiedlung ins nichtsozialistische Ausland“, so umschrieb die Stasi die Urlaubsliebe, aus der schnell mehr geworden war. Ein „Operativer Vorgang“ wurde angelegt, ein „Maßnahmenplan“ aufgestellt. „Inoffizielle Mitarbeiter“ (IM) setzte der Geheimdienst auf die Eisfelderin an. So sollte herausgefunden werden, welchen Telefonanschluss sie für Gespräche nach Italien benutzt. Die Post wurde überwacht, alle Briefe gelesen. „Postalische Kontakte haben derzeit die Intensität von einem Tag“, schrieb ein IM in seinem Bericht. Ein Spitzel tanzte bei der Disko mit Kerstin Leipold, legte einen Arm um sie. Er hatte gezielt den Auftrag bekommen, die Beziehung zu zerschlagen. Die junge Frau wehrte ihn ab: „Es hat keinen Sinn, ich habe einen Freund.“
„Die Hochzeit ist für August 1982 geplant“ – die Stasi war stets informiert und handelte. Eine Reisesperre für drei Jahre sollte künftige Ungarnreisen der jungen Frau verhindern. Ihr Personalausweis wurde gegen ein provisorisches Papier ausgetauscht. Die Arbeitskollegen (die „Brigade“), redeten auf sie ein, die Beziehung zu dem Italiener zu beenden und vor allem ihre Ausreisepläne aufzugeben. Die Wohnortfrage sorgte bei beiden Partnern für Diskussionsstoff in den Briefen. Kerstin Leipold konnte sich zunächst auch vorstellen, dass beide in der DDR leben könnten. Doch Familie Oreti hatte in ihrer Heimat ein kleines Unternehmen, eine chemische Reinigung. Eine Existenz, die man nicht aufgeben wollte.
Die junge Frau zog sich in ihrer Heimat zunehmend aus der Gesellschaft zurück – je mehr sie gegängelt und schikaniert wurde. Das Standesamt lehnte die Eheschließung ab, verwies an die Kreisbehörde. Diese lehnte den Antrag ohne Begründung ab. Kerstin Leipold schrieb ans „Ministerium des Inneren“ in Ostberlin. Franco Oreti bemühte sich über den diplomatischen Weg um die benötigten Genehmigungen. Ihm war bislang sogar die Einreise in die DDR verwehrt worden. Das Paar ließ nicht nach in seinen Bemühungen um die Hochzeit. Und vor allem ließ es sich nicht auseinander bringen. Im Dezember 1982 reiste der Italiener schließlich an. Den verblüfften DDR-Grenzern erklärte er, dass er morgen heiraten wolle. Ringe und Brautstrauß hatte er mitgebracht. Die Behörden lenkten ein: Am 30. Dezember 1982 fand die Eheschließung im Eisfelder Standesamt statt. In den 80er-Jahren bemühte sich die DDR um ein positives Bild in der Außenpolitik, vermutlich gab das Regime aus diesem Grund nach. Nun versuchte die Stasi, das Paar zu beeinflussen, dass es in der DDR blieb. Doch beide bestanden auf die Ausreise, Oreti bemühte sich darum auch im italienischen Konsulat. Im November 1983 siedelte die Eisfelderin nach Italien über. Das Paar lebt heute dort glücklich zusammen, betreibt die familieneigene Firma und hat zwei Kinder im mittlerweile erwachsenen Alter.
„Es machte uns betroffen und fiel manchmal schwer, sich in diese Zeit hineinzuversetzen“, sagte Cornelius Wiegand, als die Schüler gefragt wurden, was sie beim Studium der Stasiakten empfanden. „Das war schon beeindruckend. Wir hatten vorher noch nie mit solchen Quellen im Geschichtsunterricht zu tun gehabt“, meinte er. „Leseland“ erarbeiteten sie außerunterrichtlich, in ihrer Freizeit, unter Anleitung von Stefanie Hergert (stellvertretende Direktorin der Point Alpha Stiftung) und Geschichtslehrer Bernd Hollenbach. Jens Jahn, stellvertretender Direktor der Ulstertal-Schule, kündigte an, dass die Schule sich auch künftig an „Leseland“ beteiligen möchte. Im August soll die Lesung vom Donnerstag übrigens wiederholt werden. Hierfür sagten auch Kerstin und Franco Oreti ihr Kommen zu, um als Zeitzeugen zu berichten. Am Donnerstag konnten sie aus terminlichen Gründen nicht dabei sein. sach


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