Geisa/Rasdorf – „Als 19-Jähriger wollte ich nicht schweigen, sondern was tun. Die Wahrhaftigkeit und Nicht-Benutzbarkeit der Kunst war mir oberstes Gebot. Ich habe mich in den westlichen Medien informiert, wollte den
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Weit über 2000 Seiten umfasst seine Stasi-Akte, die er Mitte der 1990er Jahre erstmals in Händen hielt. „Zwei Jahre habe ich gebraucht, um den Inhalt zu erfassen, die Aufarbeitung der seelischen Wunden ist aber noch lange nicht abgeschlossen“, betont May. Als Mitarbeiter der Beratungsinitiative des Freistaates Thüringen beschäftigt sich Manfred May mit der Unterstützung von Stasi-Opfern bei der Bewältigung der psychischen und physischen Gewalt, die ihnen während des DDR-Regimes widerfahren ist. Anlässlich des interationalen Museumstages stellte May im Rahmen des zweiten Teils der Veranstaltungsreihe „Leseland“ in der Gedenkstätte Point Alpha Auszüge aus seiner Akte zur Verfügung, „um den Zuhörern einen Einblick in die menschenverachtende Praxis der DDR-Bespitzelung zu geben“.
„Leseland“ entstand in Zusammenarbeit mit der Thüringer Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (TLStU) Erfurt, der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen (BStU) und dem Förderverein Point Alpha, wobei der Name der Veranstaltung deutlich machen soll, welcher Zensur die Lesemöglichkeiten unterworfen waren. „Die DDR schmückte sich gern mit dem Begriff ,Leseland‘, jedoch war die große Lesefreiheit nur vorgetäuscht. Zweifelsohne wurde viel gelesen. Nur bestand der hauptsächliche Lesestoff weniger aus Literatur, denn es waren vorwiegend Berichte in Form von Stasi-Texten, die es zu lesen galt“, sagte Berthold Schwalbach, der sich als Betreuer in der Projektgruppe „Grenzspuren“ engagiert.
Im „Haus auf der Grenze“ trugen die Schüler Josef Brähler, Barbara Schütz, Martin Wagner und Stefan Kupetz vom Gymnasium Vacha Passagen aus der Stasi-Akte des Künstlers vor und mittels einer Video-Projektion konnten die Besucher die relevanten Paragraphen aus dem „Strafgesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik“ nachlesen. Gymnasiallehrerin Beate Dittmar unterstützte die freiwillige Projektarbeit.
Bereits seit dem Vormittag hatte Monika Aschenbach von der BStU-Außenstelle Suhl in der Gedenkstätte Point Alpha rund 60 Anträge von Bürgern auf Akteneinsicht entgegengenommen und Manfred May hatte eine Beratungssprechstunde angeboten. „Die meisten Betroffenen empfinden Point Alpha als geschützten Raum, dem sie Vertrauen entgegenbringen. Hier fühlen sich viele nach eigenen Angaben bei der Antragstellung wohler als auf einer Behörde. Dementsprechend groß ist auch die Nachfrage nach unserem Angebot“, informierte Stefanie Hergert, Mitarbeiterin der Gedenkstätte Point Alpha.
Betroffenheit zeigte sich auf den Gesichtern der Zuhörer, als sie erfuhren, welch minutiöser Überwachung und Bespitzelung durch die Stasi Manfred May seit 1968 ausgesetzt war. Zu diesem Zeitpunkt wurde er zusammen mit seiner Freundin und späteren Ehefrau festgenommen und verhört, weil er seine Meinung zu den Ereignissen des „Prager Frühlings“ kundgetan hatte. Unzählige „Inoffizielle Mitarbeiter“ (IM) wurden als Kontaktpersonen auf ihn angesetzt und zerpflückten Mays Privatleben bis ins kleinste Detail. Inzwischen sind die Namen von 30 dieser IM entschlüsselt und der Künstler war entsetzt, als er feststellen musste, dass sich unter diesen auch zwei enge Freunde seiner Familie befanden. In den Akten wird er unter anderem als „Objekt May“ bezeichnet. Ihm wird wiederholt unterstellt, er sei ein „Demonstrationstäter“, betreibe „staatsgefährdende Hetze“ und „subversive Aktivitäten gegen die DDR“, er leite einen „Literaturkreis mit negativ feindlicher Einstellung gegenüber der sozialistischen Gesellschaftsordnung“ und verfasse „versteckt-oppositionelle Schriften etwa auf dem Gebiet der sakralen Kunstgeschichte“. Die Stasi plante „Zersetzungsmaßnahmen innerhalb der Kunstszene um May sowie in dessen familiärem Umfeld“.
Manfred May erkrankte aufgrund der Repressalien, denen er sich, seine Frau und seine beiden Kinder ausgeliefert sah. Ein IM war Nervenarzt und hatte May davon überzeugt, als Kunsttherapeut mit seinen Patienten zusammenzuarbeiten. In seinen Berichten über die Zersetzungsmethoden an May notierte er schließlich, dieser sei psychisch erkrankt, von Verfolgungsängsten getrieben und mit Suizidgedanken befasst.
Fassungslosigkeit herrschte im Publikum auch dann noch, als im Anschluss an die Lesung eine Gesprächsrunde stattfand. Fördervereinsvorsitzender Berthold Dücker fragte May nach dessen „Empfindungen gegenüber den teilweise noch heute politisch aktiven IM von damals“. „Ich habe nichts gegen politische Verantwortung und Auseinandersetzung mit dem eigenen Schuldanteil. Aber unter den im Thüringer Landtag Tätigen mit IM-Vergangenheit habe ich eine solche Verantwortung nicht erkannt“, so Mays Antwort. cf


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